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Mein Kopf kommt alleine nicht mehr mit

19 November 2009

Frank Schirrmacher kommentiert—aus seiner eher konservativen Perspektive, aber durchaus intelligent—in letzter Zeit immer wieder mal Netz- und Zukunftsthemen. Frank Schirrmacher kommentiert—aus seiner eher konservativen Perspektive, aber durchaus intelligent—in letzter Zeit immer wieder mal Netz- und Zukunftsthemen.

Bei Spiegel Online schreibt er unter dem Titel Mein Kopf kommt nicht mehr mit über seine Überforderung mit den immer weiter anschwellenden Informationsströmen, die jeden Tag, jede Minute auf uns einprasseln:

Das Verhältnis meines Gehirns zur Informationsflut ist das der permanenten würdelosen Herabstufung. Ich spüre, dass mein biologisches Endgerät im Kopf nur über eingeschränkte Funktionen verfügt und in seiner Konfusion beginnt, eine Menge falscher Dinge zu lernen. […] Mir scheint, dass viele Leute gerade merken, welchen Preis wir zahlen. Buchstäblich. Ich bin unkonzentriert, vergesslich, und mein Hirn gibt jeder Ablenkung nach. Ich lebe ständig mit dem Gefühl, eine Information zu versäumen oder zu vergessen. Und das Schlimmste: Ich weiß noch nicht einmal, ob das, was ich weiß, wichtig ist oder das, was ich vergessen habe, unwichtig. Kurzum: Ich werde aufgefressen.

Später in dem Artikel kommt Schirrmacher zu den Hilfen und Algorithmen, die uns helfen sollen diese Flut zu bewältigen—und hat Angst vor ihrer Macht.

Für mich sieht die Sache ein bisschen anders aus: die Programme und Mechanismen, über die diese Informationsflut gefiltert, sortiert, nach (vermutlicher) Relevanz unterteilt und mir präsentiert werden sind es, die meinen Rechner und mein Telefon zur Erweiterung meines Gehirns werden lassen, ein zarter Anfang des in Charles Stross’ Accelerando porträtierten Exocortex.

Wenn mein Computer neu startet, starten automatisch Skype und Adium, damit bin ich erst einmal erreichbar. Als nächstes starte ich den twitter- und den IRC-Client, damit ist die Verbindung zu den digitalen Equivalenten von WG-Wohnzimmer, Eckkneipe, Marktplatz und Messehalle hergestellt. Die beiden sind so eingestellt, dass sie zusammen gerade den Bildschirm ausfüllen. Zuletzt starte ich Firefox; wenn vor dem Herunterfahren Tabs offen war werden sie wiederhergestellt, anderenfalls werden mir meine neuen Mails präsentiert. Meistens will ich dann sehr schnell auch Musik hören, iTunes wird also auch bald angeworfen.

Dann ist alles bereit, und die Ströme können beginnen zu prasseln. Und ich kann sie bewältigen, weil mir die Technik dabei hilft. Ich muss nicht ständig auf twitter und in den IRC gucken, weil ich mich darauf verlassen kann, dass die Clients mich darauf hinweisen, wenn jemand etwas von mir persönlich möchte—alles andere kann ich mir ansehen, wenn mir danach ist oder ich Zeit dazu habe. Interessante Links, die durch twitter laufen, klicke ich an und sie werden im Hintergrund in einem neuen Tab in Firefox geöffnet—wenn ich Zeit und Lust habe gehe ich dort durch und sehe mir an, was ich eigentlich so alles aufgemacht habe.

Wenn mich jemand über Skype oder Jabber anschreibt werde ich benachrichtigt—aber ich muss nicht unbedingt immer unverzüglich reagieren.

Viele wichtige oder informative Dinge werden auch durch Growl-Notifications angezeigt, für fünf Sekunden, ohne mich zu irgendeiner (Re-)Aktion zu verpflichten. Das geht von Skype- und Jabber-Statusänderungen meiner Kontakte über den gerade in iTunes oder last.fm anlaufenden Song bis zu twitter-Direktnachrichten und -Erwähnungen, E-Mails, Chatnachrichten und was nicht alles. Vieles davon ist meistens “irrelevant”—und ich nehme es nicht wahr. Ich bin auf diese Nachrichten inzwischen so weit trainiert, dass mir Dinge, die mich nicht interessieren, gar nicht mehr ins Bewusstsein dringen; das Filtern in wichtiges und unwichtiges passiert im Augenwinkel und ohne bewusste Anstrengung. Andererseits verpasse ich die für mich gerade relevanten Dinge nicht: kurze Nachrichten habe ich oft schon gelesen, bevor ich das entsprechende Fenster tatsächlich aufgerufen habe. Dann setzt die zweite, bewusstere Relevanzfilterung ein: muss ich auf diese Nachricht reagieren? Jetzt? Wenn nicht, dann bleibt sie eben stehen, das Programm das sie veranlasst hat macht weiterhin bemerkbar dass es etwas Neues gibt, aber ich muss mich nicht unbedingt unmittelbar um alles kümmern.

Wenn ich länger an etwas arbeite treten viele Dinge vorübergehend in den Hintergrund, bis ich etwa im 10- bis 20-Minuten-Takt einmal die Tour durch die Fenster mache: IRC, twitter, ggf. Jabber- und Skypekonversationen, Firefox-Tabs.

Ein- bis zweimal am Tag arbeite ich mich durch den Feedreader, in dem alles für mich gesammelt wird, das ich wirklich nicht verpassen möchte. Andere, weniger wichtige Nachrichtenseiten dagegen laufen für mich nur über twitter—was ich da verpasse ist eben vorbei.

Um von den Menschen, die mir wichtig sind, ncihts zu verpassen habe ich einen zweiten twitter-account, den ich nur zum Lesen nutze und der nur diesen Menschen folgt, nicht den ganzen (derzeit) über 300 in meinem eigentlichen.

An Termine erinnert mich mein Kalender, der auch mit Google Calendar und meinem Telefon synchronisiert wird. Ich muss mir nicht mehr merken, was wann anliegt—ich kann nachsehen und werde rechtzeitig erinnert.

Meine was-wollte-ich-eigentlich-tun-Aufmerksamkeitsspanne ist manchmal kürzer als drei Sekunden, regelmäßig stehe ich irgendwo in der Wohnung und kann mich nicht mehr erinnern was ich da wollte. Am Rechner geht mir das ähnlich, aber es ist kein Problem: ich muss mir nicht merken was ich wollte, ich muss nur kurz nachsehen was alles an Programmen und Tabs offen ist, welche Mails im Posteingang liegen.

Ich bin nicht überfordert durch die Flut an Informationen, ich bin irritiert wenn sie ausbleibt. Ich fühle mich seltsam wenn längere Zeit nicht mehrere Dinge gleichzeitig für mich gesammelt, gespeichtert, verarbeitet, vorgehalten werden, ich bekomme ein Kratzen im Kopf wenn ich einmal (z.B. um ein Video anzusehen) die Musik aus- und nicht wieder angemacht habe: Mir fehlt dann irgend etwas, ich . Ich werde wahnsinnig, wenn nachts einmal twitter und IRC schweigen, Feedreader, soup.io und Google News wiederholt vergeblich nach Neuem abgegrast sind.

Vielleicht ist es eine Generationenfrage, vielleicht eine Frage von Übung und Willen. Für mich ist die Informationsflut der Normalfall, die Nebenläufigkeit von Tätigkeiten und Denkströmen wird es zunehmend. Immer weitere Teile der Informationsverarbeitung delegiere ich an Technologien, lagere sie aus, lasse sie vorverdauen und führe nur die Essenz des Interessanten zusammen. Vielleicht ist dieses Auslagern des Geistes in die Maschine ein Schritt zum Upload und in die Singularität.

Im Moment ist diese Mensch-Maschine-Verwebung noch stark gebremst durch die Klobigkeit des Tastatur-Bildschirm-Systems; ich warte sehnsüchtig auf den Tag, an dem ich alle diese Informationen direkt ins Gehirn oder zumindest ins Sehfeld bekommen kann, so dass ich mehr Mehr MEHR Informationen und Wissen gleichzeitig aufnehmen, verarbeiten, abspeichern, durchsuchen und darauf zugreifen kann, und zwar immer, überall und zu jeder Zeit. Ich möchte (mittelfristig) ein Cyborg sein, langfristig wird es für mich wohl auf einen Upload hinauslaufen. Blue Brain Project, ich warte auf Ergebnisse! (Update: es geht voran)